2026-08-30

FröHlich im August – drei Tage, in denen aus einer Kreuzung ein Platz wurde

Was passiert, wenn man auf einer Kreuzung für ein Wochenende die Autos herausnimmt?


Zunächst erstaunlich wenig.

Der Asphalt bleibt Asphalt. Die Kirche steht noch am selben Ort. Die Häuser ringsherum verändern sich nicht. Auch die Bordsteine wissen noch nichts von ihrer möglichen Zukunft.

Und dann kommen Menschen.

Sie stellen Tische und Bänke auf, hängen Wimpel auf, bringen Essen mit, malen, diskutieren, hören Musik und tanzen. Kinder spielen dort, wo sonst Autos abbiegen. Menschen bleiben mitten auf der Fläche stehen und unterhalten sich – ohne im Augenwinkel nach dem nächsten Fahrzeug Ausschau halten zu müssen.

Und irgendwann wird klar:

Aus der Kreuzung ist ein Stadtteilplatz geworden.

Genau das war das vielleicht wichtigste Ergebnis des FröHlich Festivals vom 21. bis 23. August 2026.

Nicht eine einzelne Veranstaltung, nicht ein Konzert und auch nicht die Frage, ob irgendwo noch ein Tisch mehr hätte stehen können. Entscheidend war die Erfahrung, wie grundlegend sich ein öffentlicher Raum verändert, sobald er für einige Tage nicht mehr in erster Linie Verkehrsfläche sein muss.

Der August-Frölich-Platz wurde zum Reallabor – und für ein Wochenende zu dem Ort, über dessen Zukunft wir seit Jahren sprechen. Die temporäre Umleitung des Auto- und Busverkehrs war genau dafür gedacht: nicht nur Pläne und Bilder einer möglichen Zukunft zu zeigen, sondern sie im Maßstab 1:1 auszuprobieren.

Gall Podlaszewski, Giovanni Muñoz, Leonie Borutta eröffnen das Festival!

Freitagabend: Das Gegenteil von Grau

Begonnen hatte alles am Freitag noch vergleichsweise ruhig.

Die Initiative FröHlich Platz eröffnete das Wochenende, eine Bank bekam neue Farbe – und am Abend wurde der Platz zum Freiluftkino. Mit „Das Gegenteil von Grau“ von Matthias Coers und Recht auf Stadt Ruhr lief dabei ein Film, der kaum besser hätte passen können: über Menschen, die ihre Stadt nicht nur verwalten lassen wollen, sondern selbst anfangen, sie zu gestalten.

Ein passender Auftakt für ein Wochenende, an dem genau das anschließend praktisch ausprobiert wurde.

alle Hände an Bord!


Samstag: reden, essen, zeichnen, tanzen – und vor allem zuhören

Am Samstag wurde der Platz voll.

Beim interkulturellen Buffet des Café International der Caritas wurde gemeinsam gegessen. Es gab Kreatives für Kinder mit Mittendrin Weimar, das Inclusive City Lab von CGE/Urb.Able, Freihandzeichnen mit Pedro Retzke, ein Poesie Workshops der Bauhaus Studentinnen, eine partizipative Performance, gemeinsames Plov-Kochen und viele kleine Begegnungen, die in keinem Zeitplan vollständig festgehalten werden können.

Usbekische Küche direkt vom Feuer

Poesie Workshop unter den Linden

Asphalt mal anders

Kreativangebot an alle Altersklassen

Bewegungsraum (Tanzschule) im öffentlichen Raum

Dazwischen fand etwas statt, das für die weitere Entwicklung des Platzes besonders wichtig wurde:

Wir haben geredet. Und wir haben zugehört.

Gleich zweimal wurde am Samstag das Dialogformat „Sprechen & Zuhören“ dank der Unterstützung durch Partnerschaft für Demokratie durchgeführt. Das Prinzip war bewusst einfach: Eine Person spricht, die anderen hören zu. Nicht sofort widersprechen, nicht schon während des ersten Satzes die eigene Antwort vorbereiten – sondern tatsächlich zuhören.

Gesprochen wurde über den Stadtteil, über Zusammenhalt und darüber, welche Rolle öffentliche Räume dabei spielen. Eine der Fragen lautete sinngemäß: Kann ein Stadtteilplatz Demokratie stärken? Die Gedanken und Wünsche wurden anschließend gesammelt und sichtbar gemacht.

Das klingt zunächst fast unspektakulär.

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig darin bestehen, dass mehrere Menschen gleichzeitig sehr überzeugt aneinander vorbeireden, war es vielleicht eines der ungewöhnlicheren Experimente des Wochenendes.

Und offenbar bestand Gesprächsbedarf.

2. Bewohner Gesprächsrunde

Platz als Treffpunkt

Chillen am Platz

Schach und Matt!

Ein Platz muss sich bewegen

Beim FröHlich Festival blieb es allerdings nicht beim Reden.

Anja Feodora mit ihrem Bewegungsraum und anschließend Sabine Herbst mit ihrem Salsa-Workshop brachten Menschen in Bewegung. Später übernahm Ahmad Alikaj den Platz mit instrumental-elektronischer Musik und zeigte, dass eine Kreuzung auch nach Sonnenuntergang eine erstaunlich brauchbare Bühne sein kann.

Kinder tanzten, Menschen probierten Salsa, Workshops nahmen die Platzmitte in Besitz. Am Sonntag zeigte der Tanzsportverein Grün-Gold mit Carolin Lindner, dass Lindy Hop nicht erst nach monatelanger Vorbereitung funktioniert. Performance und Crashkurs genügten, und schon bewegten sich Menschen miteinander über eine Fläche, die sonst Autos und Bussen vorbehalten ist.



Sonntagmorgen: Kirche ohne Straße dazwischen

Am Sonntag begann der Tag mit einem Open-Air-Gottesdienst der Herz-Jesu-Gemeinde.

Auch das war eine bemerkenswerte räumliche Erfahrung: Die Kirche stand plötzlich nicht mehr an einer komplizierten Verkehrssituation, sondern tatsächlich an einem Platz.

Danach folgte das Nachbarschaftspicknick. Der Soli-Friseur soli.hair.ity sorgte dafür, dass man den Platz bei Bedarf sogar mit einer neuen Frisur verlassen konnte. Es wurde gezeichnet, gegessen, geredet und gemeinsam Zeit verbracht.

Am Nachmittag ging es dann um die Frage, wie dieser Ort über das Festival hinaus funktionieren könnte.

Von „Sprechen & Zuhören“ zur Ideenschmiede

In der Ideenschmiede „Treffpunkt: FröHlich Platz“ wurde es konkret:

Was bringt Menschen dazu, sich auf dem August-Frölich-Platz zu treffen?

Und was braucht dieser Ort, damit aus einer Verkehrsfläche dauerhaft ein Begegnungsort werden kann?

Im World-Café wurden Nutzungsmöglichkeiten entwickelt, diskutiert und priorisiert. Auch jüngere Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten ihre Vorstellungen einbringen. Zugleich ging es darum, Menschen zusammenzubringen, die über das Festival hinaus an der Zukunft des Platzes weiterarbeiten wollen.

Besonders deutlich wurde dabei: Die Frage nach einem lebendigen Platz lässt sich nicht von der Frage nach seiner Sicherheit trennen.

Zahlreiche Eltern berichteten, dass sie ihre Kinder trotz der kleinen Querungshilfe noch nicht allein zur Schule schicken können. Die Querung erleichtert den Weg zwar, schafft aber offenbar noch nicht das Vertrauen, das es für selbstständige Schulwege braucht. Für viele Familien ist das ein entscheidender Maßstab dafür, ob der Platz und seine Umgebung tatsächlich funktionieren.

Das ist keine Nebensache und auch kein Argument gegen Veränderung. Im Gegenteil: Es ist eine klare Anforderung an sie.

Die Stadtforschung, wie sie etwa von Jan Gehl aus Kopenhagen geprägt wurde, zeigt seit Jahrzehnten: Sicherheit ist eine zentrale Voraussetzung für einen erfolgreichen öffentlichen Raum. Menschen bleiben, begegnen einander und lassen ihre Kinder selbstständig unterwegs sein, wenn sie sich sicher fühlen. Erst dann können Aufenthaltsqualität, Begegnung und Urbanität ihre Wirkung entfalten.

Diese Rückmeldungen bestärken uns deshalb darin, Ideen zu entwickeln, die wirklich funktionieren – gerade weil sie die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ernst nehmen. 

Damit entstand aus den Gesprächen ein klares Bild:

Die Frage ist längst nicht mehr nur, ob auf dem August-Frölich-Platz einmal im Jahr ein schönes Fest stattfinden kann.

Die spannendere Frage lautet:

Was wäre, wenn wir diesen Raum lange genug verändern, um herauszufinden, wie ein Stadtteilplatz hier funktionieren könnte – sicher, alltagstauglich und offen für unterschiedliche Bedürfnisse?

Die Rückmeldungen aus den Dialogformaten und dem gesamten Festivalwochenende fließen deshalb in unsere Bürgeranfrage an den Weimarer Stadtrat ein.

Nach zwei kurzen Experimenten soll die Diskussion damit weitergehen: hin zu einem längeren Verkehrsversuch, bei dem sich über einen aussagekräftigen Zeitraum beobachten lässt, was die Umwandlung der Kreuzung für Nachbarschaft, Schulweg, Aufenthalt und Verkehr tatsächlich bedeutet. Dabei soll ausdrücklich geprüft werden, ob und unter welchen Bedingungen Kinder den Schulweg sicherer und selbstständiger bewältigen können.

Aus einem Festival wird damit ein konkreter nächster Schritt – aber noch kein vorweggenommenes Ergebnis.

(Un)Sicherheiten auf einem ziemlich sicheren Platz

Bevor es politisch allerdings zu ernst werden konnte, kam am Sonntagnachmittag das Kunstfest Weimar auf den Platz.

Tanja Krone & Band brachten mit „Songs of (In)Security“ eine Konzert-Performance mit, die sich mit Sicherheit, Unsicherheit und der politischen Instrumentalisierung dieser Begriffe beschäftigt. Genau diese Auseinandersetzung war Ausgangspunkt der Zusammenarbeit mit dem Kunstfest gewesen.

Und vielleicht lag gerade darin eine schöne kleine Ironie dieses Nachmittags:

Die gesellschaftlichen Unsicherheiten, von denen die Performance erzählt, ließen sich auf dem August-Frölich-Platz zum Glück nicht einfach auf den Stadtteil übertragen.

Die Westvorstadt präsentierte sich an diesem Wochenende jedenfalls als buntes Durcheinander von Menschen, Sprachen, Generationen und Lebensentwürfen – beim Essen, Diskutieren, Tanzen und gemeinsamen Herumsitzen.

Vielleicht ist auch das eine Form von Sicherheit: ein öffentlicher Raum, in dem unterschiedliche Menschen selbstverständlich nebeneinander und miteinander sein können.

Und dann kam Tuba Libre

Für das Schlusswort des Festivals brauchte es schließlich keine Rede.

Es brauchte Blasinstrumente.

Tuba Libre übersetzte am Sonntagabend die aktuelle Lage auf ihre ganz eigene Weise in balkanisch angehauchte Brass-Musik.

Drei Tage lang hatten wir über Verkehrsführung, Stadtentwicklung, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Demokratie, Sicherheit und die Zukunft des öffentlichen Raums gesprochen.

Tuba Libre machte daraus:

FröHlich im August.

Tuba Libre!

August Fröhlichs FröHlich Platz :)

Laut, schräg, tanzbar und mit ausreichend Blech, um auch die komplizierteste kommunalpolitische Fragestellung zumindest vorübergehend lösbar erscheinen zu lassen.

Und wieder passierte das Entscheidende nicht auf der Bühne, sondern davor: Menschen tanzten.

Der Platz funktionierte.

Ein Festival aus sehr vielen Händen

Dass all das möglich war, lag an sehr vielen Menschen.

An Leonie Borutta und allen weiteren Aktiven der Initiative FröHlich Platz, die seit Monaten geplant, telefoniert, organisiert, aufgebaut und improvisiert haben. Das Kernteam und seine Partner hatten das Festival bewusst als gemeinschaftlich getragenes Experiment angelegt.

An CGE Erfurt e.V., geführt von Dr. Ammalia Podlaszewska, ohne dessen organisatorische Arbeit und Kooperation viele Formate nicht möglich gewesen wären. 




An Pfarrer Timo Gothe und die Herz-Jesu-Gemeinde, die den Prozess seit Langem unterstützen und an diesem Wochenende einmal mehr gezeigt haben, dass Kirche und Platz räumlich und gesellschaftlich zusammengehören. Die Herz-Jesu-Gemeinde gehört neben Stadtverwicklung, PHLOX Architekt & Ingenieur GmbH und vielen Privatpersonen zu den langjährigen Unterstützern der Initiative.

An die Stadtverwaltung die mit den Absperrungen für Verkehrssicherheit gesorgt und die Veranstaltung als gemeinnützig direkt und indirekt unterstützt hat.

An Diakonie und Caritas, die die Dialog- und Begegnungsformate mitgetragen haben. An Mittendrin Weimar, die Künstler Buddies, soli.hair.ity, Sendehalle Weimar mit 100 Stühlen, und die vielen weiteren Initiativen und Einzelpersonen, die Essen, Ideen, Workshops, Kunst und Zeit beigesteuert haben.

An das Kunstfest Weimar, das mit Tanja Krone und einer professionellen Bühne eine künstlerische Perspektive mitten in dieses Nachbarschaftsexperiment hineingebracht hat.

an der Laden, der uns mit diversem Equipment an späten Nachtstunden unterstützt hat.

An Ahmad Alikaj, Sabine Herbst, Anja Feodora und Bewegungsraum, Carolin Lindner und Grün-Gold, Tanja Krone & Band und Tuba Libre – und an alle anderen, die dafür gesorgt haben, dass der Platz nicht nur diskutiert, sondern gehört, gesehen und erlebt wurde.

Und schließlich an all diejenigen, die in keinem Programm standen:

die Kuchen gebracht haben.
Die morgens aufgebaut haben.
Die abends noch eine Bank getragen haben.
Die mit ihren Kindern vorbeikamen.
Die beim Dialog drei Minuten gesprochen haben.
Die drei Minuten zugehört haben.
Die getanzt haben, obwohl sie eigentlich „nur mal kurz schauen“ wollten.
Und die irgendwann einfach sitzen geblieben sind.

Denn genau darin bestand das Experiment.

Der Platz war schon da

Vielleicht müssen wir den August-Frölich-Platz gar nicht erst erfinden.

Die Häuser bilden längst seine Wände. Die Herz-Jesu-Kirche gibt ihm einen Mittelpunkt. Menschen aus dem Stadtteil sind da. Ideen ebenfalls.

Was fehlt, ist vor allem der Raum dafür.

Vom 21. bis 23. August konnten wir erleben, was passiert, wenn dieser Raum entsteht.

Das FröHlich Festival war deshalb mehr als ein schönes Wochenende.

Es war ein konkretes Modell im Maßstab 1:1.

Jetzt möchten wir wissen, was passiert, wenn man diesem Modell mehr als drei Tage Zeit gibt – und ob sich dabei ein öffentlicher Raum entwickeln lässt, der nicht nur lebendig, sondern vor allem sicher und alltagstauglich ist.

Das Festival ist vorbei. Das Experiment hat gerade erst angefangen.

Und es geht weiter:

Viele der Ideen und Gespräche vom Wochenende wollen wir gemeinsam weiterverfolgenDeshalb laden wir zum ersten Projektgruppentreffen FröHlich Platz ein:

Freitag, 18. September 2026, 17:30–19 Uhr
Gemeindehaus, Paul-Schneider-Straße 3, Weimar

Wie können die Ideen vom Fest weiterentwickelt werden? Welche Nachbarschaftsprojekte wollen wir weiterführen – und wo braucht es Unterstützung?

Dazu zeigen wir erstmals auch die Kurzdoku über drei Tage August-Frölich-Platz als Begegnungsort.

Alle, die Lust haben weiterzumachen oder neu dazuzukommen, sind herzlich eingeladen.



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